Afghanische Portraits

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Fern von Afghanistan

»Stellen sie sich eine syrische [oder afghanische] Flüchtlingsfamilie vor. Wieviel Mut und wahres Stehvermögen und Einfallsreichtum und Energie setzt es voraus, dir deine zweijährige Tochter auf die Schultern zu setzen, die Hand deines vierjährigen Sohnes zu nehmen und zu Fuß durch die Türkei und den gesamten Balkan zu marschieren und es irgendwie bis nach Deutschland [oder Österreich] zu schaffen. Das ist wie »Die Tribute von Panem«. Solche Leute will ich in meinem Team haben.«

Der ehemalige NATO-Oberkommandierende in Europa, US Admiral James Stavridis im »Intelligence Matters Podcast«, 4. Dezember 2019

Flüchtlinge aus Afghanistan befinden sich in einem furchtbaren Dilemma. Sie kommen aus einem Land in dem seit beinahe 41 Jahren durchgehend Krieg herrscht. Der Krieg gegen die sowjetischen Invasoren dort wurde abgelöst von einem Bürgerkrieg, den die Mudschaheddin-Rebellen gegen eine sowjetisch gestützte Regierung führten. Darauf folgten ein hobbesianischer Krieg aller gegen alle unter den Warlords, der Bürgerkrieg der Taliban gegen die Nordallianz und schließlich nahezu zwei Jahrzehnte des Taliban-Aufstands gegen eine internationale Militärkoalition und die gegenwärtige, US-gestützte Regierung. Wenn man sich auf ein Land festlegen müsste, in dem die äußeren Umstände des Lebens Thomas Hobbes Beschreibung des menschlichen Naturzustands entsprächen – nasty, brutish, and short, oder zu Deutsch, bösartig, brutal und kurz – , Afghanistan käme zuvorderst in den Sinn.

»Innerstaatliche Fluchtalternativen«

Während der gegenwärtige Konflikt in Afghanistan umfassend und explosiv ist, zivile Opferzahlen stetig steigen und kein Teil des Landes davon unbetroffen ist, verweigern Österreich und die meisten Staaten der EU afghanischen Flüchtlingen Asyl. Sie berufen sich dabei auf ein höchst umstrittenes Konzept im Internationalen Flüchtlingsrecht, sogenannte »Innerstaatliche Fluchtalternativen«.

Boulevard & Populisten

Viele Menschen in Österreich sind durch die sensationsheischende Berichterstattung der Boulevardmedien über Flüchtlinge verunsichert. Zusätzlich aufgehetzt von populistisch-fremdenfeindlichen Politikern erscheint es ihnen opportun, ihre Augen vor der Notlage von Flüchtlingen im Allgemeinen und jenen aus Afghanistan im Speziellen zu verschließen. Vereinfacht wird das durch die Tatsache, dass Flüchtlinge weiten Teilen des öffentlichen, österreichischen Diskurses als gesichtslose Nummern und Statistiken vorkommen. Individualisiert und personifiziert werden Flüchtlinge, sobald sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Fern von Afghanistan

Diese Portraitserie soll dem etwas entgegen setzen. Sie soll zumindest einigen Flüchtlingen aus Afghanistan, die hier in Österreich auf ein Leben in Sicherheit hoffen, ein Gesicht und eine Geschichte geben. Sie soll ihnen zumindest ein wenig von ihrer Individualität und Menschlichkeit jenseits inhumaner Zahlen und Statistiken zurück geben, die so leicht als Bedrohung interpretiert und wahrgenommen werden können.


Jawad Hosseini | St. Pölten | Niederösterreich

Jawad Hosseini in his room | May 2020

Jawads Familie ist schon vor seiner Geburt aus der Provinz Ghazni in den Iran geflüchtet. Als Schiiten und Angehörige der Hazara-Volksgruppe litten sie in Afghanistan unter besonderer Unterdrückung und Verfolgung. Während des Bürgerkriegs, der nach dem Abzug der sowjetischen Truppen zwischen den verschiedenen Mujaheddin-Gruppierungen ausgebrochen war, wollte sich Jawads Großvater als Familienoberhaupt keiner der verschiedenen Fraktionen anschließen. So ermordeten unbekannte Attentäter 1995 Jawads damals 2-jährigen Bruder und hinterließen bei seiner Leiche eine Warnung, dass noch mehr Mitglieder der Familie sterben würden, wenn der Großvater seine Neutralität nicht überdenken würde.

Exil im Iran

Daraufhin flüchtete die Familie in den Iran, wo 1998 Jawad geboren wurde. Weil der überwiegende Großteil der in den Iran geflüchteten Afghanen dort bestenfalls als Menschen zweiter Klasse gelten und in einem Teufelskreis aus Illegalität, nicht vorhandenen Perspektiven, Ausbeutung und Unterdrückung aufgerieben werden, beschloss die Familie im Herbst/Winter 2015 die Flucht nach Europa zu wagen.

Flucht nach Europa

Bei einem ersten Versuch wurden Sie an der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei abgefangen und nach Afghanistan abgeschoben. Nach ein paar angsterfüllten Tagen in einem Hotel in Herat ging die Familie zurück in den Iran und wagte von dort aus bald einen zweiten Versuch. Dabei wurden sie, gemeinsam mit einer größeren Gruppe von ein paar hundert Flüchtlingen, ein weiteres Mal von der türkischen Grenzpolizei entdeckt. Als die Truppen begonnen haben Warnschüsse in die Luft abzugeben, lösten sie unter den Flüchtlingen eine Panik aus, in der es Jawad auf die andere Seite der Grenze schaffte. Dabei wurde er aber von seiner Familie getrennt. Von da an war er alleine unterwegs. Als das Boot mit dem Jawad mit anderen versuchte die Ägäis von der Türkei nach Griechenland zu überqueren in Seenot geriet, gingen all seine Sachen verloren und mit seinem Mobiltelefon auch der Kontakt zu dem Teil der Familie, die im Iran zurückgeblieben war. In der Folge schlug er sich zu Fuß, in Zügen und auf Ladeflächen von LKWs versteckt von Griechenland über die Länder des Westbalkans bis nach Österreich durch, wo er im April 2016 angekommen ist.

In Österreich

Seither versucht Jawad in Österreich Asyl zu bekommen. Er hat nach seiner Ankunft mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gekämpft und unter Depressionen gelitten. Wurde in wechselnden Flüchtlingsunterkünften in Niederösterreich und der Steiermark untergebracht. Hat sich trotzdem selbst die Teilnahme Deutschkursen gesichert und seine Sprachkenntnisse mit Hilfe von Internet-Ressourcen und seinen österreichischen Freunden soweit vertieft, dass er die Sprache heute hervorragend beherrscht.
Der Zufall brachte Jawad mit einem Bekannten aus dem Iran zusammen, der ihn wieder mit seiner Familie in Kontakt bringen konnte. So hat er erfahren, dass es seine Eltern zwar nicht nach Europa geschafft hatten, aber zumindest wohlauf wieder im Iran sind. Danach wurde es mit den Depressionen besser. Seither weiß er, dass er noch eine Familie hat. Auch wenn sie weit weg ist. Jawad hat eine schulische Übergangsklasse besucht, sich dann in einer Handelsschule inskribiert und dort gute Leistungen erbracht.

Bescheid: Negativ

Das alles konnte aber nicht abwenden, dass er nach einem 15-minütigen Interview bei der Asylbehörde im Mai 2017, im März 2018 einen negativen Asylbescheid bekommen hat. Dann kamen die depressiven Verstimmungen wieder. Die Schlaflosigkeit. Die Hoffnungslosigkeit. Die Antriebslosigkeit.
Bis Jawad sich am Schopf gepackt hat. Gegen den Negativbescheid Einspruch erhoben hat. Nach St. Pölten gegangen ist, sich ein Zimmer und eine neue Schule gesucht hat. Heute besucht er eine 3-Jährige Sozialfachschule. Sein wichtigstes Gut hier in Österreich sind ihm seine Freunde. Österreicher, Tschetschenen, verschiedenste Nationalitäten. Mit ihnen spielt er im Verein Fußball. Und hofft dass er in Österreich bleiben und sich hier ein Leben aufbauen kann.


Morteza Ansari | Baden bei Wien | Niederösterreich

Morteza Ansari in the lobby of the former hotel in Baden that is now an accomodation for asylum seekers | June 2020

Mortezas Eltern gehören der schiitischen ethnischen Minderheit der Hazaras an. Wie viele andere flohen sie in den späten 1990er-Jahren, während der Herrschaft der sunnitischen Fundamentalisten der Taliban, in den Iran.

Exil im Iran

Dort, im Exil in Karaj, wurde im Jahr 2000 Morteza geboren. Im Herbst 2015, als die Grenzen der EU während der großen Flucht offen waren, lief Morteza gemeinsam mit drei Freunden von zuhause weg und machte sich auf den Weg nach Europa. Viele Exil-Afghanen im Iran sind gezwungen, ihr Dasein dort unter äußerst prekären Umständen zu fristen. Dem wollte Morteza entkommen und ein würdevolleres Leben in Europa suchen.

Exil in Österreich

Die drei Freunde schafften es völlig auf sich alleine gestellt durch die Türkei und die Staaten des westlichen Balkans bis nach Österreich. Als Minderjähriger war Morteza hier in Österreich Subsidiär Schutzberechtigter. Das endete mit der Volljährigkeit. Seither wartet Morteza auf ein Urteil in seinem Asylverfahren und holt währenddessen den Pflichtschulabschluss nach.